Offenes Haus Oberwart

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06.03.2017

Dickere Pullover für alle!

von Clemens Berger

Sie rufen nach Veränderung und sagen, es sei an der Zeit. Sie sagen „Jetzt oder nie“, und wer EAV gehört hat, weiß, wie es weitergeht. Sie sprechen von einer besseren Zukunft und blicken dabei energisch auf den Posteingang ihres iPhones. Sie haben aus Schwarz Türkis gemacht und Blau bei Blau belassen. Sie sind gut frisiert und noch besser retuschiert. Sie machen aus Parteien Bewegungen und schlafen wenig. Sie meinen die Sorgen der Menschen ernst zu nehmen und schaffen sie zu einem großen Teil erst selbst.


Sebastian Kurz, der Parvenu, der wie eine nicht zu Ende programmierte Puppe spricht und von seinen Rhetorikcoaches gelernt hat, wie man am wenigsten Angriffsfläche bietet, sprach auf dem Parteitag seiner Neuen Volkspartei in Linz erstmals von seinen Vorstellungen. Alles war neu, das heißt anders inszeniert, um ihn zum neuen starken Mann der neuen Bewegung zu wählen: In einer großen Halle stand ein kleines Pult, dahinter viel Türkis, die Sitzreihen waren sternförmig auf den Heilsbringer ausgerichtet. Nüchtern, klar, funktional, keine Landfolklore, kein Rotweißrotkitsch.

Im ersten Teil seiner Rede gab Sebastian Kurz die eigene Heldengeschichte zum Besten, Veränderung als Selbstverklärung: wie er einen Anruf bekommen habe, ob er Staatssekretär werden wolle, worauf er sich eine Nachdenkpause erbeten habe, in der er mit seinem Mentor gesprochen habe, der ihm wiederum gesagt habe, er solle auf jeden Fall Staatssekretär werden, aber keinesfalls für Integration. Wie es dann aber Integration gewesen sei und er sich vor der Aufgabe trotzdem nicht gedrückt habe, und wie dann aber der große Leidensweg begonnen habe: In Wien sei er nicht gegrüßt worden, Menschen hätten die Straßenseite gewechselt, niemand habe etwas mit ihm zu tun haben wollen. Am schlimmsten aber: Sie hätten keine Zahlen, keine Daten, keine Statistiken gehabt! Bis eines Tages in einer Boulevardzeitung ein Politikerbarometer erschienen sei, in dem der unbeliebteste Politiker – ja, sagte er, den gab es damals noch – Norbert Darabos gewesen sei, rechts von diesem allerdings, Balken ganz weit nach unten, sei er gewesen, Sebastian Kurz, der in einer Stunde zum neuen starken Mann gewählt würde. Feuchte Augen ringsum, seliges Grinsen, selbst die hartgesottensten Parteigranden hingen an seinen Lippen.

Der dritte Teil der Rede war so dumm und einfältig, dass er mit einem Satz zu wiederholen ist: Ein Land ist wie eine Familie, in der alle aufeinander aufpassen müssen — und jeder seinen Platz zugewiesen bekommt, aber das sagte er nicht.

Um die Veränderung ging es im zweiten Teil der Rede, in dem der neue starke Mann davon sprach, dass man brechen müsse mit dem österreichischen Schlendrian, dem Es-werde-schon-werden und auch mit dem Selbstbetrug. Denn: Österreich stehe mitnichten so gut da, wie es das selbst gern glaube, im internationalen (natürlich: ökonomischen) Vergleich sehe es längst nicht mehr so rosig aus. Und dann blickte Sebastian Kurz tatsächlich über den Tellerrand, auch über den europäischen, und nannte ein Land, das es besser gemacht habe: Singapur.

Der Skandal ist, dass niemand in diesem Land, kein Journalist und keine politische Kommentatorin, diesen Wahnsinn als Wahnsinn benannte. Man darf davon ausgehen, dass ein Außenminister, der vor seinem Ministerdasein das fernere Ausland in erster Linie von All-Inclusive-Clubs und von jeglicher Realität abgeschirmten Resorts kannte, ein wenig über Singapur unterrichtet sei. Der neue starke Mann, der mit klarer Kante Österreich führen will, bezeichnete einen autoritären Staat, der eigentlich eine Diktatur ist, in dem prozentuell gesehen weltweit die meisten Todesstrafen vollstreckt werden, in dem Menschen mit Rohrstöcken gezüchtigt werden und in dem es keine Meinungsfreiheit gibt, als vorbildlich. Das Vorbildliche daran ist natürlich die enorme Wirtschaftsleistung, die aus einem sogenannten unterentwickelten Land ein hochmodernes leistungsstarkes machte. Das eine aber war ohne das andere nicht zu haben.

Als er zu Ende gesprochen hatte, sprangen alle von ihren Sitzen und applaudierten, während der Heilsbringer an ihnen vorüberschritt — ohne stehenzubleiben, ohne Hände zu schütteln, einfach geradewegs zu seinem Platz. Er strahlte, er verbeugte sich, er küsste Freundin und Mama, ehe er sich unter tosendem Applaus setzte.

Mit der Veränderung, von der sie sprechen, verhält es sich wie mit dem Wort Reform: Einmal waren Hoffnungen damit verbunden, heute sind es soziale Einschnitte. Die kommende Veränderung ist gut für die reichsten fünf Prozent, wenn überhaupt, während der Rest in erster Linie mit Rassismus und Ordnungsrufen für härtere Zeiten und das Engerschnallen der Gürtel gewonnen wurde. Um wen es bei Westbalkanroute, Verbrechen, Sicherheit und Fairness ging, lag auf der Hand: um Flüchtlinge, um Kopftücher, um Moslems, um Bettler, um Arme. Die Veränderung, die in einem Klima gewählt wurde, das von Sebastian Kurz mindestens ebenso wie von Heinz-Christian Strache vergiftet wurde, lautet: Einverstanden, ich nehme gewisse Einschnitte in Kauf, solange die anderen gar nichts oder viel weniger bekommen.

Von der wirklichen Veränderung, die nötig ist, wurde im Wahlkampf indes nicht gesprochen: dass es nicht um Wirtschaftswachstum, sondern um Drosselung gehen müsste, wenn wir an das Klima und an den Planeten denken, auf dem weiterhin Menschen leben können sollen. Dass man sich im globalen Norden einen gewissen Lebensstandard nicht mehr wird leisten können, wenn er auf Kosten des globalen Südens und der Atmosphäre geht. Von wirklicher Umverteilung, einer anderen Form der Produktion und Kooperation — von all dem wurde nicht gesprochen. All das stand nicht zur Wahl. Und die einzige Partei, die zumindest kleinlaut bisweilen darauf hinwies, flog mit dem Wissen ihrer Mitarbeiter und Referentinnen aus dem Parlament.

Jetzt kommt die Veränderung. Aus Innenministerium wird Heimatschutzministerium. Wir werden uns wärmer anziehen müssen. Thilo Sarrazin, in seinen Analysen mutig und gegen den Zeitgeist löckend wie Kurz und Strache, sagte einmal über Hartz-IV-Empfänger, die sich im Winter keine gut geheizten Wohnungen leisten können: Sie können ja dickere Pullover anziehen.

Sie sagten „Jetzt oder nie“, was beinahe zwei Drittel von denen wählten, die wählen durften und wählen gingen, und wer EAV gehört hat, weiß, wie es weitergeht:

Her mit der Marie!

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