Offenes Haus Oberwart

KOMMENDE AUSSTELLUNG: Die außergewöhnliche Ausstellung "Body Tales" von Eva-Maria Biribauer, Michaela Foltin, Eveline Rabold ist vom 13.1. bis zum 3.2.2018 zu besichtigen.

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FLIEGEN

von Anna Richter

Die Kurzgeschichte der 15-Jährigen wurde beim Energie Burgenland Literaturpreis 2017 mit dem dritten Preis ausgezeichnet.

Der Wind war stark, er fuhr ihr durch die Haare und brachte sie zum Schwanken. Sie schloss die Augen und genoss die Kühle. Die Arme weit ausgebreitet stand sie da, hoch oben auf einem Dach. Ein letztes Mal nahm sie einen tiefen Atemzug, öffnete die Augen und blickte nach unten.

Wie klein alles von oben aussah!
Die Menschen liefen als bunte Farbflecken auf dem hässlichen Grau der Straße, ab und zu brauste ein Auto vorbei.

Vielleicht sahen einige Menschen just in diesem Moment nach oben, bemerkten die Gestalt mit den langen, hellen Haaren, die im Wind wehten. Doch selbst wenn sie niemand sehen würde – von dort unten konnte man sie auch für einen Vogel halten. Einen Vogel …

Wieder schloss sie die Augen. Dann stieß sie sich ab. Einen kleinen Moment lang hatte sie das Gefühl zu schweben, doch dann riss sie die Schwerkraft mit sich. Der Erdboden näherte sich, der Wind pfiff ihr um die Ohren. Einige Sekunden bevor das fallende Mädchen bemerkt wurde, breitete sie die Arme aus.

Die Menschen unter ihr wurden wieder kleiner, sie richtete das Gesicht zum Himmel hinauf. Die Sonne schien ihr direkt ins Gesicht, wärmte sie und brachte sie zum Lächeln.

Schließlich war sie hoch über den Wolken, es wurde kälter und der Wind stärker. Doch die Kälte konnte ihr nichts anhaben, es war, als hätte sie in sich eine eigene Sonne, die sie wärmte. Ein Blick nach unten verriet ihr, dass der Wind sie weit aus der Stadt hinausgetragen hatte. Unter ihr lagen Felder und Wälder. Das Gefühl der Freiheit überfiel sie und brachte sie vor lauter Glück zum Lachen. Hier oben war sie glücklich, frei und fernab von jeglichen Gedanken des Alltags. Oben in den Wolken fühlte sie sich stark wie Superman – nur frei von jeglicher Last.

Schneller als erwartet wurde es dunkel. Der Himmel färbte sich in den verschiedensten Rot- und Orangetönen, die Sonne versank langsam zwischen den Hügeln. Kurz da-rauf war es dunkel, der Mond strahlte auf den Wald unter ihr und die Sterne funkelten. Das Mädchen ließ sich nun auf dem Rücken durch die kalte Nachtluft treiben und betrachtete die Sterne. Die einzigen nächtlichen Ruhestörer waren ein Flugzeug und ein Vogel, welcher sich wohl etwas verspätet hatte. Offenbar war es zu dunkel für seine Augen, denn er streifte das Mädchen am Gesicht und eine Feder löste sich aus seinem Gefieder. Geschickt fing das Mädchen die Feder auf und steckte sie sich behutsam ins Haar. Es wurde Zeit, wieder nach Hause zu fliegen. Sie warf einen sehnsüchtigen Blick auf die Wälder und Berge, die vor ihr lagen.

„Bald komme ich wieder“, versprach sie sich in Gedanken.
Als das Mädchen nach einiger Zeit vor ihrem Zimmerfenster schwebte und sich ein letztes Mal umdrehte, ging hinter den Hügeln bereits langsam die Sonne auf. Für einige Sekunden ließ sie ihren Blick über die vielen Farben schweifen. Dann stieß sie gegen das Fenster, welches sich lautlos öffnete. Vorsichtig stieg sie hinein, schloss das Fenster und legte sich ins Bett.

„Aufstehen!“, hörte sie die bekannte Stimme ihrer Mutter.
Verwundert stand das Mädchen auf, nichts wies darauf hin, dass sie gestern tatsächlich geflogen war. Hatte sie alles nur geträumt?
„Bestimmt“, sagte sie sich, „doch es war ein wundervoller Traum!“

Bevor sie das Zimmer verließ, warf sie einen letzten Blick in den Raum und bemerkte plötzlich eine kleine Feder auf ihrem Kopfkissen.

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