Offenes Haus Oberwart

AKTUELLE AUSSTELLUNG: "EN MASSE"
Die außergewöhnliche Ausstellung mit Werken von Florian Lang ist vom 3. bis zum 26. März 2017 zu besichtigen. 
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Geschichte

Gewachsen aus dem provinziellen Trümmerfeld der Themen

Im Juni 1980 inszeniert eine Gruppe junger Leute ein Ärgernis, das die Kleinstadt Oberwart – Einwohneranzahl kaum über 7000 – für einige Tage in Angst und Schrecken versetzt. Es handelt sich um eine Aktionsreihe unter dem bezeichnenden Titel „ausnahmsweise oberwart“, die die Palette der damals fälligen gesellschaftlichen Themen mit unbedarft aktionistischer Attitüde aufgreift und eine Provinzstadt, die wie viele andere, ähnliche Orte im bürgerlichen Wohlstandsaufschwung liegt, mit einer Unzahl unaufgearbeiteter Fragen konfrontiert.

Auszug aus dem Folder der „ausnahmsweise oberwart“:
Aktion Zigeunerdenkmal zu Erinnerung an die in den Nazi-KZs umgekommenen Roma; Ausstellungen „Subjekt-Lust-Mann-Lust-Objekt“ und „Arbeiterinnen bei der Firma Schrack“; Ausstellung mit Plakaten von Klaus Staeck in den Auslagen oberwarter Geschäfte; Eröffnung der Ausstellung „Behindert Sein“ mit dem Film „Karl – Integration eines Behinderten in die Gesellschaft“; Ausstellung „Verfolgung und Widerstand im Südburgenland“ mit Podiumsdiskussion; thematischer Tagesschwerpunkt „Drogen brauchen“, u.a. mit dem „Ersten Burgenländischen Fernsehwettschauen“ auf dem Hauptplatz in Oberwart und der „Konsumidiotenrevue“ des Linzer Lehrlingstheaters; thematischer Tagesschwerpunkt „Frau im Burgenland“ mit der Ton-Dia-Schau „Frauenbilder“, dem Film „Schrei lauter“ und einer Informationsschau zu den Themen Fristenlösung und Verhütungsmittel“; Workshop „Jugendhaus in Oberwart“ mit anschließender Gründung des Vereins „Jugendhaus Oberwart“.

Das Ärgernis, ursprünglich determiniert auf 10 Veranstaltungstage, sollte eine manifeste, bis in die Gegenwart sich erstreckende Verlängerung erfahren, auch wenn das damals noch niemand ahnen konnte. Denn der „Verein Jugendhaus Oberwart“ wurde tatsächlich gegründet und legte damit den Grundstein für eine kulturelle Bewegung, der der Großteil der Einwohner des Ortes skeptisch bis ablehnend gegenüber stand. In verwegen praktizierter Umkehr der vermeintlichen Bedürfnislage der Bevölkerung stellte diese Bewegung den emanzipatorischen Anspruch einer Zivilgesellschaft, wie er sich am konkretesten in der Jugendkultur artikulierte. Sie brachte autonome Kulturarbeit und schließlich sogar das Luxusgut Kunst, nach der niemand verlangt hatte, in die politische Peripherie, die damals noch, unweit des „Eisernen Vorhanges“, ein unbemerktes, mit sich selbst zufriedenes Dasein fristete, schließlich aber genauso von den großen Umwälzungen des Jahres 1989 überrollt wurde.

Wie logisch fällt denn auch die Gründung des autonomen Kulturzentrums „Offenes Haus Oberwart“, das sich wie Phönix aus der Asche aus den Trümmern des gescheiterten Jugendhauses erhob, genau in dieses ominöse Jahr 1989. Und mit der gleichen zwingenden, wenn auch makabren Folgerichtigkeit stellte das bis heute in Österreich schwerwiegendste rassistische Attentat, dem vier junge Roma-Männer aus Oberwart zum Opfer fielen, dem Haus einen präzisen Legitimationsausweis aus: wenn in dem multiethnischen Gebilde Oberwart weiterhin reflektiert und gesellschaftspolitisch wie künstlerisch aufgearbeitet wird, nicht nur im Falle der Roma, dann passiert dies im Offenen Haus Oberwart.

Die Philosophie

Der Faktor OHO

Als das Offene Haus Oberwart im Jahr 1980 (damals noch als „Verein Jugendhaus“) gegründet wurde, konnte niemand ahnen, wie sehr sich die Welt innerhalb eines einzigen Jahrzehntes ändern würde. Lag der Bezirksvorort Oberwart damals noch an der äußersten Peripherie Europas, so sollte durch den Wegfall des Eisernen Vorhanges die Peripherie selbst zunehmend ins Zentrum der Beobachtung rücken. Gerade der multiethnische Bezirksvorort, gelegen in einem seit ungezählten Jahrhunderten existierenden, archetypischen Grenzraum der Sprachen und Kulturen, bot und bietet sich als künstlerisches Exerzierfeld für eine neues, zusammengewachsenes und doch differenziert zu durchleuchtendes Europa an.

Häusern wie dem Offenen Haus Oberwart fällt die nicht unerhebliche Aufgabe zu, über die Hebelwirkung zeitgenössischer Kunst den kreativen Diskurs einer ganzen Region zu entwickeln und aufrecht zu erhalten. Die erfolgte Neuorientierung des Offenen Hauses Oberwart seit 2004 hat eine Vielzahl neuer, interessanter KünstlerInnen ins Haus gelockt und hier auch über gewisse Schaffensstrecken versammelt, an einem Ort, an dem sich beinahe idealtypisch die Wirklichkeit im Austausch der Sprachen und Kulturen erkunden lässt: die KünstlerInnen haben es, wie so oft, als erste verstanden und liefern die Konsequenz nach, diese Wirklichkeit unnachgiebig zu hinterfragen.

Die erklärte Absicht des Hauses besteht darin, den restaurativen Tendenzen des Kulturbetriebes die Vitalität jetztzeit-bezogener Lust am durchtriebenen Blick entgegen zu setzen und der zeitgenössischen Kunst eine Bresche zu schlagen. Die Möglichkeiten dazu bieten sich mannigfach, sind aber gewiss auch abhängig von den Persönlichkeiten, die ihre Aktivitäten an das Haus herantragen oder von diesem dazu eingeladen werden. So haben sich in den letzten Jahren starke Segmente in den Bereichen Modern Dance, Literatur und Theater, Junge Kunst und Musik, Film(Festival) und Bildende Kunst herausgebildet, die in gewissen, thematisch gebündelten Jahresprojekten auch spartenübergreifend zusammenwirken und wie immer von Diskussionsveranstaltungen sowie Konzerten und Events der Jugendkultur ergänzt werden.

Das OHO ist Mitglied des Beyond Front@ Netzwerkes, eine Kooperation von Organsiationen, die Tanzproduktionen konzipieren und präsentieren, um TänzerInnen und ChoreographInnen neue Möglichkeiten im Bereich des zeitgenössischen Tanzes zu bieten. www.beyondfront.eu