Interview mit Katharina Tiwald ├╝ber "Das Cosima Panorama"

Cosima Wagner - die personifizierte Selbstaufgabe. Welche (neuen) Blickwinkel hat die Recherche für Cosima Panorama, das Vertiefen in das Leben dieser Frau, dir eröffnet?

Mir war vor der Lektüre der Tagebücher nicht klar, wie stark - um auch ein starkes Wort zu verwenden - masochistisch diese Frau war. Da gibt es Passagen, in denen sie beschreibt, wie gut es war, die ganze Nacht durchzuweinen und zu büßen und zu leiden - wegen einer Bemerkung, die "R.", wie sie ihren Ehemann nennt, machte. Sehnsucht nach dem Grab, etc. Todessehnsucht als Gipfel der Selbstaufgabe; und ein unbedingter Opferwille, die eigene Person betreffend.
Und ich bin erschauert bei der Erkenntnis - oder sagen wir: bei der informierten Annahme - dass eine direkte Linie zu legen ist zwischen der Intensität der Selbstaufgabe und dem Entstehen eines persönlichen Faschismus: die Halbfranzösin wird zur Deutschnationalen! Willig zitiert sie Wagner, der sagt, die Franzosen seien die Fäulnis der Renaissance. ... Andere nahe Menschen fallen bei der unbedingten Hingabe an das Lebensthema Wagner unter den Tisch: der Vater, Franz Liszt, der in Bayreuth stirbt, während die Festspiele weitergehen, und die Tochter Isolde, die verstoßen wird.
Es erstaunt mich bei fast jeder Recherche, wie viele Momente auftauchen, die sich unmittelbar für die dramatische Darstellung eignen. Jedes Leben eignet sich, übrigens. Eigentlich sollte ich nicht so viel staunen; aber es ist schön, und es hält, sagen wir: menschlich fit. ...


Für die Darstellung der Gegenwart bedienst du dich der Methode „Oral History“. Wieso hast du diesen Weg des sprechen Lassens gewählt?

Im Prinzip sind wir alle Verhaftete: wir sind dem Leben und seinen Bedingungen verhaftet. Theater ist eine Spielart von Diskurs (also: "miteinander reden", vereinfacht gesagt), die es ermöglicht, das auch zuzugeben. - Am spannendsten sind "Figuren" dort, wo ein tiefer Blick in ihr Inneres zutage tritt; es ist mir auch nicht möglich, eine Figur ohne ihr Inneres zu denken, ich finde Satire ein anstrengendes, zutiefst forderndes Geschäft, weil sie sich selbst die Möglichkeit des Mitleids nimmt. Des Mitgefühls. Satire setzt auf Schablonen, auf das traurig-Bekannte; auf das schaurige Allgemeine. Das ist auch wichtig; aber ich bin zu mitfühlend für Satire. Ich kann eine "Papierfigur" nicht denken ohne Mitgefühl. Die Vorstellung von einem kleinen Mädchen namens Cosima, das sich nach der Mutter sehnt, stattdessen aber mit Gouvernanten leben muss, die selbst die Briefe des Mädchens an die Eltern zensieren - das tut mir weh; und die erwachsene Cosima ist ohne das Kind Cosima - mit allem, was auf sie eingeprasselt ist - nicht zu denken.
Verhaftet: auch wir sind unserer Vergangenheit ausgesetzt (und ich beginne nicht zu reden von individueller Verantwortung für das eigene Leben etc.) - Mustern ausgesetzt, die zu leugnen sinnlos ist, gerade heute, in unserer Krisenzeit, suchen Menschen wieder verstärkt nach Mustern.
Muster damals, Muster heute: ich wollte in die Tiefe dieser Frau tauchen; in den Schmerz dieser Frau. Die "oral history" zeigt, dass Cosima heutig ist. Anders: Schicksale sind nicht tot, weil ihre Trägerinnen tot sind, in diesem Fall die gewesene grande dame von Bayreuth. Wir alle sind Echo. Und Ruferinnen. Vielleicht kann man das so sagen: ich wollte Echo und Ruferinnen zusammenbringen. Das Individuelle und das allgemein Gültige von Frauen, die mit Männern, Kindern, Kunst zu tun haben...


Die Darstellung der Lebensgeschichten der sieben Frauen in Verbindung mit der Lebensgeschichte Cosimas zeigt ein enges Ineinandergreifen von Heute und Gestern – inwiefern spielt diese Verknüpfung in unserem heutigen alltäglichen Denken und Handeln eine Rolle?

Die Verknüpfung ist da, wobei ich vom Wort "Lebensgeschichte" Abstand halten möchte: ich habe die Frauen punktuell befragt, dort, wo ich wusste, dass es in ihrer Biographie Schnittpunkte mit der Biographie Cosimas gibt. Etwa den Künstlerehemann. Das eigene künstlerische Schaffen neben einem Künstlerehemann. Die lange Witwenschaft, das Weiterführen eines gemeinsamen Unternehmens. Die Eltern aus zwei verschiedenen Kulturkreisen. Solche Dinge.
Ich nehme an, dass es eine Erkenntnis ist, die jeder Mensch sich erst gewinnen muss: zu sehen, dass man "woher kommt"; dass man nicht in ein Nichts steigt; dass Errungenschaften wirklich Errungenschaften sind - und da ist alles, was sich auf dem Feld der Frauenrechte bewegt hat (besser: bewegt wurde), nur ein Teil dessen, was ich meine. Aber ich fürchte, wir nehmen alles zu selbstverständlich. Und tappen dann halt in die nächste Krise. Ich habe in meinen verschiedenen Arbeitsfeldern mit vielen unterschiedlichen Menschen zu tun: ich versuche, jedem und jeder mit Respekt zu begegnen. Den größten Respekt und auch die größte Zuneigung habe ich gegenüber Leuten, die gern denken - egal, auf welchem Level. Aber ich sehe auch Denkverweigerung, eine Art geistiges Fluchtverhalten, lautstarkes, banales. Schnelles Gewinnenwollen; Davonrennen vor allem, was irgendwie wehtut oder wehtun könnte. Der Blick zurück ist auch was, das manchmal wehtut. Aber das Wehtun ist nun einmal auch Teil des Denkens - mitsamt der großen Lust und Freude daran.

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