Offenes Haus Oberwart

AKTUELLE AUSSTELLUNG: Unter dem Titel „Eine Begegnung“ sind von 3. bis 16. November Werke der beiden Künstler Erwin Moravitz und Bernd Romankiewitz in der OHO-Galerie ausgestellt.

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Laudatio zum Kunstpreis 2013 von Katharina Tiwald

Ein Haus in der Mitte der Stadt.
Oder: "What the hell do you do in Oberwart?"

Zu Beginn dieser Erzählung braucht es eine Geistesautofahrt durch die Bezirkshauptstadt Oberwart im Südburgenland: die zweisprachige Ortstafel passieren (ungarisch: Felsöör); die masochistisch "Wiener Straße" genannte Hauptstraße entlang fahren; Kriegerdenkmal; an der Ampel nicht in Richtung aufgelassener Bahnhof, sondern links abbiegen, vorbei an den protestantischen Kirchen A. B. und H. B., AMS, Chinalokal, Altersheim, Schönheitssalon "Ewige Jugend"; am Stadtrand dem Parkplatz des neuen Riesen-Einkaufszentrums eine Gummiradierung einschreiben; in einer Schleife zu der kleinen Romasiedlung außerhalb der Stadt; ein Gedenkstein für die vier Ermordeten von 1995; vorbei am Krankenhaus, dem die Romasiedlung nach weiter draußen weichen musste; vorbei an Messezentrum, Kebabkabause, Busparkplatz, und eingebogen in die Lisztgasse. Dort, auf Nummer 12, steht das OHO, das Offene Haus Oberwart – ein Gebäude mit Geschichte, ein Haus als Motor der Kunst.
Die burgenländische BEGAS hat in einem schlichten Haus, das vor langer Zeit als Tanzsaal fungiert haben mag, Rohre gelagert (man hört, auch die NSDAP habe den Saal seinerzeit genutzt, was wiederum die nachfolgende Geschichte des Hauses wie eine Dämonenaustreibung wirken lässt), als im Sommer 1980 eine Gruppe junger Leute eine Veranstaltungsreihe namens "ausnahmsweise oberwart" auf die Beine stellt. Die Gruppe nennt sich lustvoll "Ohrwaschelschluifa"; Ex-Mitglieder werden später Volksanwältin (Terezija Stoisits), ORF-Redakteur (Erich Schneller), Historiker (Gerhard Baumgartner) oder Vorreiterin der Integrationsidee in den burgenländischen Schulen (Brigitte Leimstättner).
Schlägt man den Flyer auf, hofft man – übersättigt von Handyupdates, Hollywood und Strategien, dem Individuum die Kontrolle direkt ins Ich einzupflanzen – auf der Geistesautofahrt tatsächlich im Juni 1980 angekommen zu sein: die Schwerpunkte wie etwa "frau im burgenland", "behindert sein", "drogen brauchen" werden wie selbstverständlich begleitet von kinderspielaktionen und einem liedermacherfest. Nota bene: das "zigeunerdenkmal", das gleich zu Beginn der Aktionswoche im Stadtpark installiert wird, um an die im Holocaust verschleppten Mitbürger_innen zu erinnern, ist gleich tags darauf mit weißer Farbe übergossen. Am Ende dieser Woche steht keck die Gründung eines Vereins "jugendhaus oberwart", im Impressum ein Name: Peter Wagner.
Schon im Herbst 1980 geht es los. Die BEGAS-Lagerstätte wird in ein Jugendhaus verwandelt, in ein offenes Wohnzimmer. Es gibt sozialarbeiterische Betreuung; mit den Kleinen wird die Hausübung durchgekaut, manche der Älteren formieren sich zu Bands und artikulieren über den Umweg der Musik das massive Missverständnis mit der Elterngeneration. Dementsprechend schnell hat man unter den Anständigen den Ruf einer "Haschbude" – im Übrigen ein Fehleindruck.
Mit im Boot sind etwa Arno Truger, die spätere Nationalratsabgeordnete Evelyne Messner, die Lehrerin Ulrike Hölzl, die Schulpsychologin Waltraud Schleichert, die Betreuerin Renate Holpfer, später Geschäftsführerin von "Frauen für Frauen Oberwart". Es wird Wert darauf gelegt, dass die Jugendlichen Eigenverantwortung übernehmen, von der Gestaltung von Haus und Programm bis zur Öffentlichkeitsarbeit. Lies nach im "Joseph", der hauseigenen Zeitung.
Schnitt. Um 1988 werden die Förderungen eingestellt, das Jugendhaus steht vor dem Ende. Da taucht ein Arbeitsmarktbetreuer mit einem Konzept auf: Horst Horvath heißt er, er hat politische Erfahrung, ist Mitbegründer des burgenländischen Antifa-Komitees, die Arbeit mit Minderheiten liegt ihm am Herzen.
Das Konzept ist griffig: im Rahmen eines Renovierungskurses, eines Projekts für Arbeitslose, wird das Haus auf Vordermann gebracht, im wahrsten Wortsinn. "Ein anderer Führungsstil", sagen die Jugendhäusler. Zuerst ist eine "Cafégalerie" fertig, es wird angedacht, die Freizeiträume, sobald sie erneuert sind, zu vermieten. Horst Horvath, heißt es von manchen, ist rund um die Uhr im OHO. Er tut einfach. Er treibt Geld auf. Und Peter Wagner schreibt und inszeniert Stück um Stück – Anfang der Neunzigerjahre bis zu fünf im Jahr, zum Beispiel "Lafnitz" oder "Burgenland, eine Farce". Der Balkankrieg bricht aus – das OHO produziert 1993 "Tanz im Spinnennetz" nach Texten des bosnischen Poeten Kemal Mahmutefendic, der nach seiner Flucht in Güssing lebt. 1996 gastiert eine OHO-Produktion, Wolfgang Kubizeks Oper "Monolog mit einem Schatten", im Konzerthaus Wien. Horst Horvath ermöglicht all das wesentlich.
Es ist wohl eine eigenartige Synthese – der Umstände, der Personen und ihrer Talente, der Zeit. Das Haus wandelt sich weg von einem Jugend- hin zu einem Kunsthaus; Wolfgang Horwath stellt aus, Andreas Lehner verändert das Bild der Oberwarter_innen von ihrer Stadt nachhaltig, indem er mit einigen hundert Schneestöcken neue Räume absteckt – zum Beispiel die zukünftigen Schanigärten. Alle arbeiten auf Hochdruck. Aber mit der Wandlung des Hauses – vor allem mit dem groß angelegten Umbau – kommt es zu Interessenskonflikten, was die Zukunft betrifft.
Horst Horvath wünscht sich unter anderem ein Haus, das verschiedensten Vereinen ein Obdach bietet – etwa dem jungen Verein Roma Oberwart, dessen Gründung er begleitet hat – und hält den Wunsch nach einem/einer künstlerischen Geschäftsführer/in für Utopie. Andere fühlen sich ausgeklammert, weil die Dichte an Projekten für niemanden von Außen Platz bietet. Einige fühlen sich ausgenutzt. Für die Kunstschaffenden ist der Wandel vom Jugend- zum Kunsthaus auch mit der schmerzhaften Erkenntnis verbunden, dass im Kampf um die Verwirklichung von Ideen und Projekten hierarchische Strukturen manchmal notwendig sind. Alle diese Komponenten sorgen für einiges an Konfliktpotential – ändern aber nichts daran, dass man gemeinsam um das Gleiche kämpft. 1995 geht die Bombe von Oberwart hoch. Vier Männer werden in den Tod gerissen. Lange, bevor ein Kärntner Landeshauptmann von internen Fehden sprechen kann, hat das Team des OHO, das gerade die Uraufführung von Peter Wagners Rechnitz-Stück "März, der 24." vorbereitet, einen schwarzen Theatervorhang zerrissen und um die Ortstafeln Trauerflore gehängt: am Abend nach dem Attentat.
Und doch. 1997 ist der Neubau des Saals abgeschlossen, es gibt eine Galerie, es gibt vor allem den Theatersaal. Das Haus ruft danach, mit Neuem befüllt zu werden. Es kommt zu einem Bruch.
Die beiden folgenden Perioden von Geschäftsführung sind ambivalent. Michael Muhr gelingt ein großer Wurf mit der Inszenierung von Elfriede Jelineks "Stecken, Stab und Stangl" durch Angelika Messner. Im gleichen Jahr, 2000, produziert das Haus Gerhard Altmanns Stück "Unterflächen" und bringt damit einen burgenländischen Theatertext auf die Bühne. Insgesamt setzen sowohl Michael Muhr als auch seine Nachfolgerin Maria Stadlmann, die mit ihrem Fokus auf bildender Kunst beim Vorstand punkten kann, jedoch auf eine Strategie, die sich als falsch erweisen wird. Dem Populären soll Raum gegeben werden, man setzt auf teure Acts großer Namen, die aber vor leerem Haus auftreten. Die Rechnung, aus einer Nische ins große Licht zu treten, geht nicht auf. Das Haus hat sich diese Nische der vermeintlichen "Randthemen", aufgearbeitet mit hohem künstlerischen Anspruch, erobert; es scheint so, als würde das Publikum dem OHO das "andere", das ohnehin anderswo zur Genüge gezeigt wird, nicht abnehmen. Im Team regt sich bald Unmut. Die finanzielle Situation wird immer bedrohlicher. Und unter enormer Anstrengung, mit verhandlerischem Geschick und Tatendrang gelingt 2004 eine Einigung mit der Bank und ein Neustart mit Eveline Rabold als Obfrau, Alfred Masal als Geschäftsführer sowie Hans Panner und Christoph F.  Krutzler im Vorstand.

Der Impetus bleibt derselbe: regionale Themen aufgreifen, die überregionale Strahlkraft haben. Geistige und künstlerische Arbeit auf höchstem Niveau leisten. Gesellschaftliche Ungerechtigkeiten benennen und eingreifen, wie man eben eingreifen kann. Allianzen suchen mit den Engagierten aus dem nahen und nicht so nahen Umfeld.
2005 jährt sich das Attentat auf die Romasiedlung zum zehnten Mal: das OHO-Team stellt ein zweiwöchiges Festival der Romakultur zusammen, das unter dem Titel "Amen dschijas – Wir leben" zwei Wochen lang Ausstellungen, Filmprojekte, Diskussionen und Theaterstücke zeigt. Clemens Bergers "Gatsch" ist darunter und Stefan Horvaths "Begegnung eines Engels mit einem Zigeuner". Horvath, der Vater eines der Toten von 1995, hat nach dem Attentat zu schreiben begonnen und ist als Mittler und Zeitzeuge einer neuen Aufgabe zugewachsen. In seiner fast phantasmagorisch zu nennenden Textsammlung "Katzenstreu" schlüpft er in die Haut des Täters – nach Besuchen bei Franz Fuchs und auch bei dessen Eltern. Das Buch erscheint als sein zweites 2006 in der edition lex liszt 12, im ehemaligen Verlag des OHO, den seit 1997 Horst Horvath führt. Auch Clemens Berger hat hier debütiert und Oberwarter Verhältnisse thematisiert. Peter Wagner ist in diesen Zusammenhängen Nachfrager, Ertaster, Ermöglicher. Und Regisseur.
Während eine starke Schar von Künstlerinnen und Künstlern mit ihren Werken die Galerie aufleben lässt – über die Jahre sind das etwa Max Milo, Igor Skalé, Bernhard Dorner, Doris Dittrich, Marina Horvath, Franz Gyolcs, Henryk Mossler und viele andere – und in speziellen Veranstaltungen junge Kunst präsentiert wird, tut sich auch auf der Bühne einiges. Ab 2006, mit der Uraufführung von "Dorf.Interrupted" (K. Tiwald) in Wagners Regie, kehrt das OHO zurück zu einer Praxis, die dem dramatischen Furor der frühen Neunzigerjahre nahe kommt: Ziel ist es, jährlich eine Uraufführung zu zeigen – mit allem Aufwand, der damit verbunden ist, nicht zuletzt der Finanzierung und des Engagements aller Beteiligten, die teilweise an und über die Grenze ihrer Belastbarkeit gehen. 2007 schließt das Haus mit dem Theatermonolog "Messe für Eine" (K. Tiwald) an, der im Kosmostheater Wien gastiert. Stargast des Jahres ist der französische Literat und Theoretiker Camille de Toledo, der vor vollem Haus mit dem Jugendkulturforscher Philipp Ikrath über das Leben in virtuellen Welten diskutiert, begleitet von der von Alfred Masal konzipierten Ausstellung "first life, second life", in der Veränderungsprozesse aus der materiellen Welt in die virtuelle übertragen werden.
Im Lauf der nächsten Jahre kristallisiert sich heraus, dass die Theaterarbeiten im besten Fall Synergien mit Geschwisterprojekten eingehen. Gleichsam organisch entwickeln sich mehrere Schwerpunkte, die sich als Fixstarter (und Fixsterne) im Jahresprogramm etablieren: Liz King, ehemalige Ballettchefin der Wiener Volksoper, gründet in Pinkafeld D.ID-Dance Identity; bereits 2006 zeigt sie im OHO mit "Straight Fiction" die erste Uraufführung im Bereich des zeitgenössischen Tanzes. Auf dieser Basis entwickelt Alfred Masal die Idee jährlich wiederkehrender Tanztage, die von D.ID kuratiert werden. Der Filmemacher Reinhard Jud konzipiert auf Einladung des Hauses Filmtage, die im Lauf der Jahre mit Drehbuchworkshops, Podiumsdiskussionen und Ausstellungen angereichert werden; dazu kooperiert das Haus mit der Kreativwirtschaft Burgenland. Die seit 2007 stattfindende Buchwoche bringt Literatur mittels Diskussionsformaten ins Gespräch und Größen wie Wendelin Schmidt-Dengler, Marlene Streeruwitz und Peter Esterházy ins Haus; vormittags ist der Saal voll, wenn Schulklassen zu Lesungen kommen.
Diese Formate sorgen für die Verflechtung von Diskursen. Das zeigt sich etwa an "zone38", dem Schwerpunkt zum Gedenkjahr 2008. Das Haus organisiert einen Reigen gewaltiger Aktionen. Die Historikerin Ursula Mindler forscht zur jüdischen Vergangenheit Oberwarts; ihre Arbeiten münden in eine große Rauminstallation im Rathaussaal, die Besucher_innen der Ausstellung bewegen sich durch das Oberwart von 1938. Ein Orchesterkonzert mit Stücken von Wolfgang Kubizek, Kamil Polak und Tzvi Avni, dem Präsidenten der israelischen Komponist_innenvereinigung, geht über die Bühne und wird aufgezeichnet. Dazu kommt Peter Wagners Landschaftsinstallation "Pflöcke" – 70 einfache, schwarze Pflöcke längs der Bundesstraße beim "Anschlussdenkmal" Oberschützen (nachts werden sie wiederholt ausgerissen und gestohlen). "zone38" endet in der Silvesternacht mit der Uraufführung von Clemens Bergers "Und Jetzt": ein junges Paar bezieht in der Gegenwart eine möglicherweise arisierte Wohnung in Oberwart; erstmals ist ein Tanzensemble mit auf der Bühne, es stellt die Zeitebene von 1938 dar.
2009 erwächst aus einer Erzählung über einen fiktiven Aufenthalt Joseph Haydns in der Wart (K. Tiwald) ein Hörbuch, ein Konzert zeitgenössischer Musik – mit dem glorreichen Auftritt eines Max-Brand-Synthesizers, gespielt von Elisabeth Schimana - , eine Ausstellung im öffentlichen Raum und ein Film. 2010 sieht die Uraufführung von Reinhold Stumpfs Provinzsatire "Kamping", begleitend zum Jahresschwerpunkt "Dunkelschwarz" – eine Auseinandersetzung mit Fremd- und Selbstbildern in Bezug auf den Kontinent Afrika, anlässlich der Fußball-WM in Südafrika. 2011, das burgenlandweit begangene Liszt-Jahr, wird im OHO mit der Uraufführung von "Das Cosima Panorama" (K. Tiwald) begangen: die Geschichte der Liszt-Tochter Cosima Wagner wird mit Interviews mit heutigen Frauen verwoben, die ihre Beziehung zu sich, zu Männern, zur Kunst und insbesondere zu kunstschaffenden Männern schildern.
2012 thematisiert das OHO die Abwanderung vieler Geschäfte in das Einkaufszentrum am Stadtrand; leer stehende Lokalitäten werden mit Gesprächen und Kunst gefüllt.
2013 beschäftigt sich ein großes Team unter Leitung Peter Wagners mit den sechs Friedhöfen der Stadt. Beispielbiographien – aufbereitet in einer bildgewaltigen Ausstellung im Stadtpark, in Buchform und als Radiofeature (Nikolai Friedrich) – entwerfen ein großes Panorama der Stadt im Lauf der Zeiten, bringen die religiösen und kriegerischen Zwistigkeiten zur Sprache, verweisen auf die reale Möglichkeit des Friedens. Die Veranstaltungsreihe findet ausgesprochen großen Anklang in der Stadt und mündet in Peter Wagners Theateressay "Der Fluss", der einen von Ferry Janoska zeitgenössisch arrangierten Liederreigen aus dem Burgenland zeigt, vom ungarischen Trinklied über das kroatische Totengedenken bis zur rabbinischen Komposition aus Lackenbach.
Knapp vor dem Gastspiel des "Flusses" im Konzertsaal der Wiener Sängerknaben liegt die Deadline für den Essay, den Sie gerade gelesen haben; es ist ein offener Essay, der - eigentlich - gar kein Ende haben kann, betrachtet man die junge Generation im OHO: Georg Müllner, Musiker und Künstler, arbeitet als Techniker; Miriam Herlicska ist Vorstandsmitglied; Georg Gossi kocht wie ein junger Gott in der Bar; viele junge Künstler_innen machen ihre ersten Schritte in der Galerie des Hauses. Das Geistesauto flitzt in eine kraftvolle Zukunft!