Offenes Haus Oberwart

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OHO – DAS ERSTE JAHRZEHNT ...

... eines autonomen Kunst- und Kulturhauses der Provinz

Interview mit Peter Wagner

 

Was hat dich als junger Mensch angetrieben, dich im Jugendhaus und dann später im OHO zu engagieren? Selbstverwirklichung als Künstler, politisches Denken, Rebellion, eine Mischung aus allem?

Folgender Versuch: Aus irgendwelchen Gründen stand ich mit Oberwart spätestens seit meinem Hörspiel „Purdy Pista sagt, die Cymbal ist tot“ (1975) auf Kriegsfuß. Ich hatte nach meiner Matura ein Hörspiel über den KZ-Überlebenden Stefan Horvath aus Oberwart geschrieben, nach dessen Ausstrahlung meine Eltern wochenlangen Telefonterror hatten. Andererseits waren für mich schon als Gymnasiast in Oberschützen Oberwart und Umgebung ein spannendes Biotop, vorrangig wohl aufgrund seines äußerst heterogenen Sprach- und Religionsmixes. Ende der Siebziger hatte ich aber auch Kontakt zu der Berliner Hausbesetzerszene und dort Bekanntschaft mit diversen Philosophien autonom verwalteter Kultur- und Jugendzentren gemacht. So entstand die Idee zu einem Jugendhaus in Oberwart, was als Einforderung im Jahr 1979 und 1980 noch viel absurder war, als es heute den Anschein haben mag. Die Geschichte der Realisierung dieses Jugendhauses ab 1980 muss erst noch geschrieben werden, denn da waren ja doch eine Menge verschiedener Menschen, Kräfte, Energien und Fantasien beteiligt, nicht zuletzt die Politik. Diese hat dem Unternehmen allerdings nach einigen Jahren die Liebe entzogen, sprich: den Geldhahn zugedreht, worauf dieses schicksalsbehaftete Haus in der Lisztgasse 12 plötzlich leer gestanden ist. Zufällig aber hat sich vis-à-vis von ihm ein junger Arbeitsmarktbetreuer, der Horstl, angesiedelt, der instinktsicher sofort ein begehrliches Auge auf das Objekt geworfen hat. Sein Konzept für ein autonomes Kulturhaus hat mich überrascht, und so war es nur folgerichtig, mich nun auch ins OHO einzuklinken. Horst und ich waren uns schließlich schon bei der Organisation einer großen Anti-NDP-Demonstration 1982 in Eisenstadt einig über unsere gesellschaftspolitischen Vorstellungen und Zielsetzungen.

Die ersten Jahre des OHO waren geprägt davon, sich finanziell nach der Decke zu strecken. Hatte das Einfluss auf die Planung des Veranstaltungsprogramms im Sinne von „so viel wie möglich“, um mehr Einnahmen zu lukrieren? Oder achtete man von Beginn an auf ein anspruchsvolles Programm mit künstlerischer Handschrift?

Es wird wohl beides der Fall gewesen sein, wobei mich persönlich Einnahmen, Förderungen und dergleichen nie wirklich interessiert haben. Ich wollte das zu der damaligen Zeit völlig Undenkbare: ein zeitgenössisches Uraufführungstheater am Arsch der Welt! In diesem Anspruch war ich beinahe blindwütig, wahrscheinlich auch halbwegs egoman. Es gab im ersten Jahrzehnt des OHO Jahre, in denen ich drei bis vier Theaterstücke geschrieben und jedes Jahr auch ein bis zwei davon im OHO inszeniert habe. Das Land bietet durch seine archetypische Grenzlandlage mehr an Themen, als man glaubt! Und das Theater ist eine fantastische Möglichkeit, sie auf das Terrain einer überregionalen Wertigkeit zu heben, ohne damit im Quasi- Provinziellen stecken bleiben zu müssen.

Welchen Einfluss hatte deine Tätigkeit im OHO auf dein künstlerisches Schaffen (als Musiker, Dramatiker, Literat)? Gab oder gibt es in deinem Portfolio Werke, die du ausschließlich auf dein Wirken im OHO zurückführst?

Gut die Hälfte meiner Stücke in den Neunzigerjahren ist mit der gezielten Absicht, sie im OHO zu realisieren, entstanden, weil sie ja auch thematisch auf das Grenzland fokussiert waren. Die andere Hälfte ist auswärts, vornehmlich in Wien umgesetzt worden, wobei wir zumindest bei zwei oder drei Stücken Koproduktionen mit Wiener Theatern hatten. Allerdings ist es dem OHO und mir nicht gelungen, dem zeitgenössischen Theaterschaffen im Burgenland einen Rahmen zu schaffen, der von der Kulturpolitik finanziell adäquat bedient worden wäre, und damit so etwas wie ein Landestheater der Uraufführungen zu etablieren. Obwohl das OHO durch die Bank gezeigt hat, wie man sowohl mit technischen als auch dramaturgischen und ästhetischen Anforderungen an große Produktionen fertig wird, blieb die Kulturphilosophie des Landes auf diesem Sektor bis heute der Ausrichtung auf Festspiele und Tourismus verhaftet. Man muss heute noch genauso um die Finanzierung jeder einzelnen Produktion raufen wie vor dreißig Jahren. Das halte ich im Grunde auch für eine persönliche Niederlage.

Wie wichtig ist das OHO für die Stadtgemeinde Oberwart?

Nun, Oberwart ist der Öffentlichkeit vornehmlich durch das Attentat an den Roma 1995 bekannt. War das OHO der Stadtgemeinde bis dahin eher ein Ärgernis – wie auch schon das Jugendhaus davor –, so ist es für Oberwart spätestens durch die Abwicklung des Rundherums direkt nach dem Attentat, vornehmlich durch den damaligen Geschäftsführer Horst Horvath und das OHO-Umfeld, zum lebenswichtigen Instrumentarium geworden. Wir wissen das. Oberwart selbst weiß es nicht, bis heute nicht. Man hatte auch nicht den Eindruck, dass die Würdigung des Hauses mit dem Österreichischen Kunstpreis 2013, vom damaligen Bundespräsidenten Dr. Heinz Fischer in der Hofburg überreicht, die Oberwarter Bevölkerung besonders stolz auf sein Kunsthaus gemacht hätte. Immerhin aber muss man der Stadtpolitik respektive den Bürgermeistern (Michael Racz, Gerhard Pongracz, Georg Rosner, Anm.) zugutehalten, dass sie dem OHO jedenfalls positiv gegenübergestanden sind, trotz der wahrscheinlich auch bei ihnen vorhandenen Vorbehalte.

Ich selbst inszeniere ja in den letzten Jahren vornehmlich in Klagenfurt. Auch aus diesem Eck Österreichs sind seitdem Hotel- und Wirtshausrechnungen in Oberwart bezahlt worden, die ohne das OHO nicht bezahlt worden wären. Man soll also auch den wirtschaftlichen Aspekt des OHO nicht außer Betracht lassen. Der überwiegende Teil des Geldes, das dem OHO aus Fördermitteln von Bund, Land und Stadt zukommt, bleibt in der Region.

Denkwürdige Momente im OHO für dich?

Der Entschluss, den Neubau zu riskieren, zumal mit allen dazugehörigen finanziellen Unwägbarkeiten. Ich war ja damals Obmann des Vereins. Allerdings gehörte für mich auch die Trauer dazu, Abschied vom alten „Sargdeckel“, als den Wolfgang Horwath den alten OHO-Saal bezeichnet hatte, nehmen zu müssen. Mir waren die veranstaltungstechnischen Unzulänglichkeiten des „Sargdeckels“ durchaus bewusst. Dennoch hatte er auch eine gewisse Würde in seinen Defiziten. Das habe ich sehr geschätzt an ihm: Seine Resistenz jedweden Vereinnahmungen, seine Sperrigkeit, seine Trotzigkeit den Zeitläufen und deren (technischen) Anforderungen gegenüber. Natürlich bin ich nach vielen weiteren Produktionen froh darüber, mit dem OHO-Neu ab 1997 einen äußerst probat bearbeitbaren Saal bespielen zu dürfen – der ja vor allem durch Alfred Masals Zutun sich immer weiter entwickelt hat -, ohne dass dieser gleich mit der Etikette eines miefigen Multifunktionalismus behaftet werden kann. Insofern ist es uns gelungen, der Würde des alten Saales die ganz andere Würde des neuen Saales hinzuzufügen.

In der Summe der möglichen „denkwürdigen Momente“ im künstlerischen Bereich fällt es schwer, einen gesondert hervorzuheben, weil es derer wirklich etliche gegeben hat. Denkwürdig ist alles, was einen Sieg des Unwahrscheinlichen über das Wahrscheinliche ausmacht. Es war die bare Lust, Dinge zu tun, die man bis dahin in diesem Land nicht getan hat. Auch weil wir uns, verzeihen Sie mir den Ausdruck, nichts geschissen haben.

Für mich persönlich war jedenfalls jede einzelne Premiere meiner Stücke denkwürdig. Allen voran wahrscheinlich „März. Der 24.“ nur wenige Wochen nach dem Attentat, als sich zur Premiere plötzlich ein erklecklicher Teil des politischen Österreich im OHO versammelte.

Es gab ja in den ersten Jahren auch Kritiken in den großen österreichischen Tageszeitungen und im überregionalen ORF. Aber als man z.B. bei Der Standard den Theaterkritikern die Fahrtkosten in die Provinz gestrichen hat, wie mir damals ein Journalist erzählte, sind die auch nicht mehr gekommen. Auch das ist eine Facette des zeitgenössischen Kunst- und Theaterschaffens in der Pampa.

Rückblickend: Wie lautet deine persönliche OHO-Bilanz? Genugtuung und Dankbarkeit für das Erreichte oder graue Haare und Gram für durchlebte Mühsal?

Weder noch. Ich habe einmal für mich folgende Überzeugung postuliert: Wüsste ich, dass ich morgen sterbe, müsste ich heute mit dem Leben beginnen. Das sollte auch für ein niemals vollendetes, vollendbares Gesamtkunstwerk wie das OHO gelten: Jeder Tag könnte der letzte seines Lebens sein. Und also muss jeder neue Tag der Beginn des Lebens, des wirklichen Lebens sein. Kulturbetriebe, die nur der Routine eines reinen Veranstaltungsbetriebes folgen, können ohne dieses Selbstverständnis vielleicht überwintern, nicht aber in der Weise überleben, dass sich eine Erinnerung an sie lohnte. Es ist ja nicht so, dass das OHO nicht auch diese Phasen durchgemacht hätte, also Zeiten, die schlichtweg zu vergessen sind. Zum Glück ist es aber niemals in ihnen hängengeblieben.

Welchen Weg soll das OHO deiner Meinung nach einschlagen, um den Ansprüchen eines zukunftsfähigen, modernen und offenen Kulturhauses gerecht zu werden?

Bleiben, wie es ist, und sich immer neu erfinden, um das Alte hinter sich lassen zu können und nicht unbedingt bleiben zu müssen, wie es ist. Man hat ja schließlich dreißig Jahre lang bewiesen, dass man es nicht nötig hat, für die kalten Nester der Vergangenheit zu heizen.