Offenes Haus Oberwart

Laufende Ausstellung: Die Ausstellung zum Projekt "Shutdown? - Mit Kunst aus der Isolation" läuft bis 1. September 2020 mit stets neu hinzukommenden Werken unterschiedlicher KünstlerInnen   Mehr Infos >>

Sarah Günther

Können Sie sich und die Organisation, die Sie in diesem Projekt vertreten, etwas genauer vorstellen?

Ich bin als selbstständig Kulturschaffende tätig und lebe zwischen Budapest und Deutschland. Hierbei bin ich Mitbegründerin des Budapester Netzwerks Pneuma Szöv. und künstlerische Leiterin unseres neuen Projekts TV Free Europe. Daneben arbeite ich noch als Theatermacherin, Journalistin, Performerin und freie (Anti)Pädagogin.

Pneuma Szöv.* / Mókusok (Luftfabrik / Eichhörnchen) ist eine offene Künstlergenossenschaft und seit 2008 hauptsächlich in Budapest tätig - mit Kooperationen und zeitweiligen Verbannungen in anderen Regionen. Die künstlerische Praxis von Pneuma basiert sozusagen auf gemeinsamer Atmung. Pneuma Szöv. löst Prozesse aus, die unsere täglichen Lebensabläufe in Schwierigkeiten bringt und das, was offensichtlich und unveränderlich zu sein scheint, plötzlich neu verzaubert. 3D-Radiosendungen, asphaltierte Fernsehshows, Streifzüge durch den Street Channel und die politische Kampagne für die Kanditatur eines Eichhörnchenbürgermeisters (Mókus Maxi) evozieren und spielen mit eklektischen Medien mit einer neuen Art von Öffentlichkeit. In postdramatischen Performances verschmelzen künstlerische Forschung, Sozialphilosophie und Stadtforschung mit verschiedenen Formen bildender und medialer Kunst, "Kollektivkunst", freien pädagogischen Konzepten, Aktivismus und niederschwelliger "Sozialtherapie".

Was war Ihre Motivation, dieses Projekt zu entwickeln bzw. auch an diesem Projekt teilzunehmen?

Die Geschehnisse um 1989 könnten eine fruchtbare Perspektive sein, um mit "entfremdeter Sicht" auf das Heute zu schauen. Die Fragen nach Zivilcourage, nach Selbstzensur und politischen Gemeinschaften sind heute wieder aktueller denn je. Was ist aus der großen Hoffnung nach Freiheit geworden? Uns interessiert dabei, gängige Narrative zu verlassen und auch die östliche Subkultur wiederzuentdecken und zu teilen, deren Geschichte und Wirkkraft zu großen Teilen verschüttet ist. Das Hauptversprechen im Jahr 1989 war es, den Lebensstandard des Westens einzuholen. Die entkoppelten Privatisierungen, die rasche Deindustrialisierung und der Mangel an wirklich sozialpolitischen Maßnahmen in den kommenden Jahren haben Vorrang in den jüngsten autoritären Strukturen, in denen kaum ein Gefühl der Solidarität zwischen Menschen auf verschiedenen Ebenen der Gesellschaft besteht. Es ist an der Zeit, die Alternativen der späten 80er Jahre zu überdenken und neue Geschichten über Veränderungen zu schreiben. Geschichten, in der unsere "sozialistische Vergangenheit" nicht durch eine neoliberale Gegenwart gekappt und ausgelöscht wird. Geschichten, die sich von unserem Lebensraum inspirieren lassen und dennoch nach internationalen Allianzen suchen.

Inwieweit waren Sie und Ihre Organisation von der Existenz der "Eisernen Grenze" betroffen?

Das Land, in dem ich geboren wurde, existiert nicht mehr! (Sarah Günther ist in der DDR geboren) Wobei ich mich generell eher schwer tue, mich mit "einem Land" an sich zu identifizieren. Es sind viel eher soziale Gefüge und Sozialisierung, die sich für mich an den Begriff von Herkunft knüpfen.

Wie haben Sie die Öffnung der Eisernen Grenze erlebt?

Ich war damals sechs Jahre alt. Ende 1989 fuhren wir nach Westberlin. Wir besuchten ein Café, in dem jede Wand aus riesigen Spiegeln bestand. Das war magisch für mich und prägte sich ein. Und ich wollte unbedingt eine rosa Barbie haben. Trotz ihrer feministischen Überzeugungen schluckte meine Mutter und kaufte mir eine. Später zum Geburtstag bekam ich dann zum Ausgleich noch eine farbige Barbie dazu.

Hat der sogenannte Fall des "Eisernen Vorhangs" etwas für Sie und Ihre Organisation geändert?

Ich bekam die sogenannte Wende besonders in den Jahren nach der Vereinigung bewusster mit, in denen meine Eltern plötzlich um die Existenz des Stadttheaters, an dem sie arbeiteten, kämpfen mussten. Es drohten ständig Kürzungen, Schließung und Fusionierung. Wenn ich an unser Konsumverhalten von damals zurückblicke, denke ich, dass meine Familie damals auch etwas unbeholfen war, angesichts der neuen Warenmenge. Da wurde plötzlich der Trabi durch den BMW ersetzt, ich bekam alle Teenie-Magazine, man machte irgendwie den ganzen Konsum mit, weil man dachte, dass man das jetzt halt so macht.

Es dauerte eine Zeit bis sich das einpegelte. Durch meine Mutter bekam ich auch mit, dass die Situation der Frauen, trotz der angeblich neuen Freiheit, teilweise schwieriger wurde. Oft sieht sich Pneuma mit neoliberalen Arbeitsformen konfrontiert. Wir hinterfragen das bestehende System der Selbstdarstellung, des Kunstmarktes, des Handelskriegsvokabulars, der Wegwerfwirtschaft und des produktorientierten Schaffens. Pneuma zielt darauf ab, einen eigenen ethisch-ästhetischen Arbeitsrahmen zu schaffen, der einer anderen schöpferischen Qualität folgt - von der Peripherie zum Zentrum (und nicht umgekehrt) - und damit den Menschen über das Produkt setzt.

Welche Verbindungsprojekte oder Veranstaltungen haben Sie bisher durchgeführt, um die menschlichen und kulturellen Beziehungen zwischen "Ost und West" zu stärken?

Ich fühle mich heute wohl eher als Europäerin mit verschiedenen lokalen Einflüssen. Es ist ungemein produktiv verschiedene konkrete Lokalitäten aufeinander treffen zu lassen, gemeinsam Dinge in Angriff zu nehmen und sich im Tun kennenzulernen. Dies gilt auch im (!) Ost-West-Dialog, wobei diese Begrifflichkeit selbst schon wieder polemisch ist. Die Arbeiten von Pneuma Szöv. tragen auch zu grenzübergreifenden Gesprächen und Situationen bei. Pneuma Szöv. beschäftigt sich auch mit den neu entstehenden Zäunen und neuen, eisernen Vorhängen: um Ungarn, um öffentliche Parks und in den Köpfen. Kunst kann einen Gegensatz bilden, nicht so sehr, indem sie zu Aktivismus oder Demokratieerziehung wird, sondern indem sie mit einer "Kunstwelt" im umfassenden Sinn Alternativen zu Systemen schafft.

Kunst ist unabdingbar, um sich eine andere Lebensweise und Welt vorzustellen zu können, als wie wir sie um uns herum wahrnehmen. Dies ermöglicht, Gemeinschaften um Ideen zu sammeln, die eben nur in der Luft liegen. Aber "aus der Luft gegriffen" können neue Dinge entstehen. Durch Kunst kann man Gemeinschaften bilden, die heutzutage eine große Macht sind. Gemeinsam Kraft sammeln, sich auf Veränderungen vorbereiten - das ist die Arbeit der "Luftfabrik".

Nach oben